Stell dir vor, du gehst spazieren, vielleicht in einem Wald oder in einem hübschen Park. Und während du an nichts Bestimmtes denkst, springt ein kleiner Kobold hinter einem Strauch oder einem Baum hervor und sagt „Glückwunsch! Du bekommst eine Stunde geschenkt.“ und verschwindet wieder im Nichts.
Vielleicht greifst du nach dem Verschwinden des Kobolds gedankenverloren in deine Jackentasche und stößt dort auf ein kleines Fläschen, das dir unbekannt ist. Ein Fläschchen Felix Felicis, flüssiges Glück. Und auch wenn man bei fremden Flüssigkeiten vorsichtig sein sollte, trinkst du das Fläschen tatsächlich aus. Du fühlst es im Körper kribbeln und merkst, wie ein scheinbar permanentes Glücksgefühl in dir hochsteigt.
Nun, wo ist das nächste Abenteuer? Du hast den Drang und die Freude jetzt sofort alles zu machen und zu tun. Aber so halb bist du dir bewusst, dass die Wirkung nicht lange hält. Nur eine Stunde hatte der Kobold gesagt. Was also tun?
Eine geschenkte Stunde also, in der Alles gelingt und es keine Verpflichtungen gibt.
Menschen mit mehr Sinn für Wettbewerb und Wettkampf würden sich vielleicht für etwas anderes entscheiden. Sie würden erkennen, was das für ein Potential hat und versuchen so viel wie möglich aus dieser Stunde zu gewinnen.
Mir stünde der Sinn aber doch nach etwas Anderem. Ich würde diese eine Stunde als geschenkte Lebenszeit betrachten. Eine Lebenszeit nicht nur für mich, sondern auch für alle um mich herum.
Der Gedanke liegt vielleicht nahe diese eine wundersame Stunde mit einer Person oder auch einem Haustier verbringen zu wollen, das uns bereits verlassen hat. Aber persönlich würde diese eine Stunde nicht als glücklich betrachten können, wenn ich diese Seele danach wieder loslassen müsste, wenn die Zeit vorbei ist.
Für mich wäre das wohl eher eine Chance mit meinen Liebsten, ob Mensch oder Tier, eine Stunde zu verbringen. Eine einzige Stunde ohne Bedingungen.
Vielleicht wirkt es eigenartig, aber wenn ich nun wirklich wählen müsste, dann würde ich tatsächlich meine Haustiere, meine beiden Kater, wählen und ganz gemütlich mit ihnen diese eine Stunde verbringen. Wahrscheinlich würden wir es uns auf dem Outdoorsofa im Garten gemütlich machen und nicht nur beisammen sitzen, sondern auch den Vögeln beim Singen zuhören und den Bienchen beim Summen.
Warum nicht ein Lieblingsmensch anstatt der Lieblingshaustiere?
Ganz rational würde ich dir nun wohl erklären, dass die verbleibende Lebenszeit mit den Katerchen wohl am kürzesten und damit am wertvollsten ist. Und emotional sage ich dir einfach wie es ist: Tiere fordern nichts von dir.
Die Zeit lieber mit den Tieren als mit Menschen verbringen zu wollen kommt wohl aus dem Wunsch heraus, dass diese eine Stunde nicht nur zwangsweise glücklich bleibt durch das kleine Fläschchen Flüssiges Glück vom Kobold sondern sie auch ganz natürlich glücklich ist.
Aber natürlich gibt es nun mal keine kleinen Kobolde und auch das flüssige Glück bleibt wohl besser in den Harry Potter Romanen. Und auch bekommen wir normalerweise eben keine Lebenszeit geschenkt.
Dennoch, meine Kater und ich hatten schon viele dieser glücklichen Stunden nur für uns. Ich habe sie nicht geschenkt bekommen, ich habe sie mir einfach genommen. Diese ganz besonderen Stunden sind so enorm wertvoll.
In der leistungsorientierten Gesellschaft nennen wir das „Energie tanken“ oder „Kräfte sammeln“ wohl mit dem Ziel danach mit voller Power weiter und immer mehr Leistung zu erbringen.
Und was wäre das in einer Gesellschaft mit einem anderen Fokus? Vielleicht mit einem Fokus auf das eigene wellbeing, der eigenen mentalen Stärke und der Gesundheit?
Nun, auch wenn unsere Welt und die Gesellschaft anders tickt, wir sollten ein großes Interesse daran haben, dass es uns selbst gut geht. Und wenn mir dabei eine „geschenkte“ (oder geklaute) Stunde mit den Katern hilft, dann ist sie nicht mit Gold aufzuwiegen.
Nimm das als Anstoß auch für dich mal eine Stunde zu klauen. Es sei denn natürlich, du findest tatsächlich einen Kobold mit einen kleinen Fläschchen flüssiges Glück. Aber sei vorsichtig, Kobolde haben es sicherlich auch faustdick hinter den Ohren. Wie kämen sie sonst an Töpfe voll Gold und andere Sachen, die ihnen immer nachgesagt werden.
Dieser Artikel ist im Rahmen des Projekts Blognacht von Anna Koschinski entstanden. Wie du selbst teilnehmen kannst und wann die nächste Blognacht ansteht, kannst du hier nachlesen: https://www.blognacht.de/

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