Blognacht September 2026: “Still sein ist was für Anfänger”

Kaum vorstellbar, aber vor Jahrzehnten, also während meiner Kinder- und Jugendzeit und selbst auch noch im Studium bis hin zu den ersten beiden Anstellungen war ich ein kleines graues stilles Mäuschen.
Je nachdem woher du mich kennst und ob du mich nicht nur online liest, wird das mehr oder weniger verwunderlich für dich sein.

Ich glaube ich muss dir nicht dazu schreiben, dass das gerne von anderen Personen ausgenutzt wurde. Ich konnte weder “Nein” sagen, noch mich durchsetzen noch für meine eigenen Rechte einstehen. Wagte ich doch mal ganz vorsichtig ein “Nein” zu äußern, so gelang es mir selten, es so zu sagen, dass es auch wahr- und ernst genommen wurde und es gelang mir auch nicht dieses “Nein” zu verteidigen.

Für viele Personen in meinem Umkreis passte das sehr gut. Zum einen im Familienkreis, zum Anderen bei den Lehrern in der Schule, später in der Ausbildung, usw. Ich war diejenige, die ganz brav und vor allem still, manchmal sogar nahezu lautlos, ihre Aufgaben oder ihre Arbeit machte.

Das Problem daran war nur irgendwann, wenn man sich so sehr zurück hält, dann streichen andere die Lorbeeren für deine Arbeit ein, du wirst vergessen und übergangen bei Entscheidungen. Und wenn du dann doch mal etwas willst oder brauchst, landet dein Anliegen hinter allen anderen, die vielleicht etwas vehementer ihre Wünsche geäußert haben.

Ich bin mir nicht mehr so sicher, wann ich genau das hinter mit gelassen habe, aber es hat sicherlich etwas mit dem Weggang von Ulm 2015 zu tun und sicher auch mit der Arbeitsstelle, die ich damals dann gekündigt hatte.
Da waren ein paar zu viele Gedanken in der Richtung “Was soll ich hier?” im Spiel, als ich für ein Projekt eingestellt wurde, das von der Unternehmensleitung vorgegeben war, aber von der Abteilungsleitung untergraben wurde. Auch das graue Mäuschen schreit dann irgendwann mal den großen grauen Elefanten an, wenn sich der auf den Käse setzt.

In Hamburg bei meiner damals neuen Stelle, habe ich viel gelernt. Aber nicht nur das, ich hatte 700km Abstand zu dem alten Umkreis. Das hat geholfen. Es wusste keiner, dass in mir gerade noch das graue Mäuschen steckt und es erwartete auch keiner, dass ich meine Anliegen zurückstecke zu Gunsten von anderen Personen.
Das half aus dieser Position auszubrechen und sie endgültig hinter mir zu lassen.

Heute bin ich in dem Punkt alles, aber kein Anfänger mehr.
Ich bin eine Person geworden, die sich nicht mehr so leicht “die Butter vom Brot nehmen lässt”, wie man so schön sagt und vermutlich wagt es nun auch kein blöder Elefant mehr sich auf meinen (!) Käse zu setzen.

Ja, ich bestehe darauf, dass ich meine Rechte wahrnehmen darf und kann. Gleichzeitig lege ich Wert darauf, dass festgelegte Regeln für alle gelten. Und das nicht nur in der Arbeit sondern auch in anderen Lebensbereichen.

Und siehe da, ich werde wahrgenommen als Person. Meine Anliegen werden ernst genommen. Naja.. und meine ausgeprägte Allergie gegen unnötige Grundsatzdiskussionen erspart mir dann den Rest, wenn doch mal wieder jemand versucht sich auf meine Kosten zu berreichern oder besser dar stehen zu lassen.

Nun bin ich also kein stiller kleiner Anfänger mehr. Ganz im Gegenteil. Und ja, vielleicht habe ich die Neigung anderen grauen Mäuschen, die diese Lernkurve noch vor sich haben, unterstützend beizustehen. Wahrscheinlich mache ich das, weil ich diesen Weg kenne und weiß wie schwer es ist irgendwann ganz selbst bewusst zu sagen

“Finger weg! Das ist mein Käse!”

Dieser Artikel ist im Rahmen des Projekts Blognacht von Anna Koschinski entstanden. Wie du selbst teilnehmen kannst und wann die nächste Blognacht ansteht, kannst du hier nachlesen: https://www.blognacht.de/

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